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Tong-Len - Nehmen und Geben von Herzen
Die innere Ökonomie des Mahayana-Buddhismus

Ein Interview mit Yesche U. Regel
für Buddhismus Aktuell - Zeitschrift der Deutschen Buddhistischen Union

Im Tibetischen Buddhismus wird von allen Traditionen eine Meditationspraxis überliefert, die Tong-Len, Geben und Nehmen, heißt und auf das Lodjong-Geistestraining nach Atisha u.a. zurückgeht. Dabei beobachtet der Übende den eigenen Atem und stellt sich vor, wie etwas Negatives, Schwieriges, Dunkles, Leidvolles aus sich selbst heraus oder von anderen mit dem Einatmen aufgenommen wird, im Sinne von „wahrgenommen und angenommen“, und mit dem Ausatmen etwas Heilsames, Leichtes, Helles und Liebevolles ausgesendet, also gegeben wird. Auf diese Weise können Achtsamkeit und Mitgefühl selbst unter schwierigen Umständen, bei Krankheiten und Emotionen, sowie im Angesicht des Leidens anderer trainiert werden. Für Buddhismus Aktuell beantwortet „Yesche“ Fragen, die ihm häufig gestellt werden:

BA: Der Buddha lehrte die Meditation der Liebenden Güte, Metta oder Maitri. Was ist das besondere an Tong-Len, das erst 1500 Jahre nach Buddha entwickelt wurde?

Yesche: Nach meinem Verständnis ist Tong-Len eine Metta-Meditation. Sie verbindet Mitgefühl (Karuna) mit Liebender Güte (Metta) und Achtsamkeit. Zu der Meditation des Wünschens und Wohlwollens kommt die Geste des Annehmens, des tiefen Wahrnehmens von etwas Schwierigem und Leidvollen hinzu.

BA: Normalerweise wurde Tong-Len ganz in einem streng traditionellen Kontext praktiziert und gilt als eine sehr anspruchsvolle Übung. Du unterrichtest Tong-Len in vielen buddhistischen Zentren in Kursen, die jedem offen stehen. Warum?

Yesche: Tong-Len spiegelt ein ganz natürliches Prinzip wieder. Die indischen und tibetischen Meister, die diese Praxis formuliert haben, haben vermutlich ein gesundes und in vielen Situationen heilsames Reaktionsmuster beobachtet. Deshalb ist Tong-Len auch eine Methode, die leicht zu verstehen und zu üben ist, vorausgesetzt sie wird den Übenden so vermittelt, dass man sie auf der Alltagsebene anwenden kann. Ich habe die Methode immer wieder von tibetischen Lehrern erläutert bekommen und sie waren sehr ermutigend darin, dass es eine Praxis ist, die Verbreitung finden sollte. Als die Bücher von Pema Chödrön auf Deutsch herauskamen hatte ich mir bereits einige Gedanken gemacht, wie man Tong-Len vermitteln könnte. Ihre Bücher sind enorm hilfreich darin das Tong-Len verständlich zu machen und viele Menschen haben sie gelesen. Auch andere tibetische und westliche Lehrer haben das Tong-Len beschrieben, aber selten werden regelrechte Tong-Len-Kurse oder -Retreats angeboten. So habe ich verschiedene Kursprogramme von 1-9 Tagen Dauer entwickelt, in denen man Tong-Len erlernen kann, beginnend mit Tong-Len für sich selbst. Für diese werden keine besonderen Teilnahmebedingungen gestellt, ich gehe aber davon aus, dass die Praxis gründlich erklärt und ein Sinn für Herzenswärme und Mitgefühl geweckt werden muss.

BA: Beim Tong-Len sollen Leiden eingeatmet und Mitgefühl, Liebende Güte und Glück ausgeatmet werden. Ist es nicht gefährlich sich vorzustellen Leiden einzuatmen?

Yesche: Zunächst einmal muss man sich ganz klar machen, dass es um die Entwicklung von Herzenswärme und Mitgefühl geht und nicht darum, den Eindruck des Leidens zu verstärken. Das Leiden ist vermutlich bereits schon da, und es ist jemand da, der versucht damit besser umzugehen. Entweder geht es um eigene Beschwerden oder um die Konfrontation mit schwierigen Zuständen, die wir um uns herum und bei anderen wahrnehmen. Dann ist Tong-Len eine Meditation, bei der wir nicht nur versuchen den Geist zu beruhigen, sondern ein Thema, das sich aufdrängt, in die Praxis einzubeziehen, eben um daran unser Herz zu schulen. Die Herzensschulung steht also im Vordergrund, und das Herz, im Sinne eines tieferen Gefühls von Wohlwollen und Freundlichkeit, muss schon aktiviert sein, wenn wir mit der Tong-Len-Übung beginnen. So würden tibetische Lamas Tong-Len in der Mitte eines meditativen Rituals praktizieren, das z.B. dem Bodhisattva des Mitgefühls gewidmet ist, d.h. sie würden den Bodhisattva visualisieren und zuerst mit seiner Hilfe das Herz aufwärmen und durchlässig machen und dann erst Tong-Len praktizieren. Und selbst wenn man eine komplexe Visualisation nicht ausführen kann, ist es wichtig zuerst Herzenswärme in sich zu erwecken, z.B. mit Hilfe einer Metta- bzw. Liebenden Güte -Meditation. Eine einfache Visualisation wie ein leuchtendes Juwel im Herzen oder die Gestalt eines leuchtenden Wesens, das der übenden Person als Inbegriff von Mitgefühl und Güte erscheint, ist für viele hilfreich. Wenn das Herz vor der Tong-Len-Praxis auf diese Weise vorbereitet wird, dann wird das Einatmen von Leiden nicht gefährlich sein, sondern lediglich als Katalysator für das Entfalten des Heilsamen erlebt.

BA: Da gibt es aber auch energetische Bedenken derart, dass man negative Energien in sich herein ziehen könnte, wenn man sich vorstellt diese einzuatmen.

Yesche: Das sind Konzepte aus Systemen wie Qi Gong oder Reiki, in denen man sich negative und positive Energien als etwas sehr Konkretes vorstellt, die ich nicht mit Mitgefühls-Meditation vermischen würde. Es heißt ja hier nicht, man solle negatives Qi einatmen. Im Buddhismus wird mehr auf der Geist-Ebene, und das heißt hier vor allem der Motivations-Ebene, praktiziert. Es geht einfach darum, die Achtsamkeit auch auf das Unangenehme bei sich oder bei anderen auszurichten und Meditation dazu zu nutzen, darauf angemessen, mitfühlend und einfühlsam zu reagieren. Wenn man aber trotzdem sehr an reale Energien glaubt, dann müsste man entsprechend mehr dafür tun, in sich positive Kräfte zu verankern und sich ihrer ganz bewusst zu sein.
Natürlich kann man nur das geben, was man auch hat. Generell sollte man sich für die Tong-Len-Praxis nicht zu schwach fühlen, sondern aus Freude und Mut heraus üben. Selbst unter Schmerzen muss man sich aufraffen mit Freude zu üben.

BA: Glaubst Du dann auch nicht daran, anderen durch Tong-Len positive Kräfte übertragen zu können?

Yesche: Nicht in diesem mechanischen Sinn. Es genügt an der eigenen Einstellung zu arbeiten. Wenn dadurch Impulse für achtsames und einfühlsames Verhalten frei werden, dann ist das langfristig mehr Wert als eine einmalige Sendung von positiver Energie. Es kommt auf das Verhalten an, das nach der Meditation geschieht, in Motivation, Wort und Tat. Hohe tibetische Yogis scheinen mit Tong-Len zwar wie Heiler wirken zu können. Wenn wir jedoch nur diese Ebene unter Tong-Len verstehen, dann würden wir die breite Anwendungsmöglichkeit des Tong-Len-Prinzips verkennen. Da gibt es viele Möglichkeiten sich und anderen zu helfen.

BA: Welche Anwendungsmöglichkeiten siehst Du da?

Yesche: Viele buddhistische Meditationen zielen auf die Beruhigung des Geistes oder auf eine tiefere Einsicht in das Bewusstsein ab. Eine Mitgefühls-Meditation würde sich aber einem konkreten Thema direkt widmen. Wie Thich Nhat Hanh es ausdrückt: „Mitgefühl muss Mitgefühl mit jemandem oder mit etwas sein.“ Man nennt das auch das relative Bodhitschitta, also Erwachen in Bezug auf etwas Konkretes. Für jede Tong-Len-Meditation ist es deshalb wichtig, zuerst das Thema ganz klar vor Augen zu haben. Ich würde eine Tong-Len-Übung für ein persönliches Thema damit beginnen erst einmal genau zu schauen, was das für ein Thema, also ein Problem, ein Schmerz, eine Emotion usw. ist. Wenn es für den Übenden nicht ganz so eindeutig wie bei einem akuten Schmerz ist, dann braucht es einige Zeit, ein paar Minuten, bis einem das Thema klar im Geist erscheint. Es gilt das eigene Thema genau spüren und benennen zu können, um dann für eine gegebene Zeit damit zu meditieren. Dabei blickt der Meditierende aus der Perspektive des Bodhitschitta oder Metta-Herzens auf das Thema, das man am besten gegenüber vor sich im Raum sieht, als Atmosphäre, Farbe, Gestalt, als einen Teil von sich, aber etwas, was dem heilsamen Selbst oder dem Metta-Herzen, vis à vis ist. Zwischen diesem Herzen und dem schwierigen Thema wird dann Tong-Len geübt: das Problem wird eingeatmet, Liebe und  Mitgefühl aus dem Herzen ausgeatmet.
Dabei würde ich zunächst auf jede Vorstellung von Umwandlung oder Transformation des Problems verzichten und einfach das achtsame und mitfühlende Dabeisein und Dabeibleiben betonen. Ob dadurch irgendetwas besser wird, würde ich dem Übungsprozess überlassen und nichts mit Erwartungen erzwingen wollen. Hier kommt auch noch dazu, dass der Tong-Len-Übende sein Ego ganz aus dem Spiel lassen soll, um die Meditation mit einem Sinn für die Leerheit und Offenheit des Geistes auszuführen. Dazu gibt es im Lodjong-Geistestraining genaue Anleitungen.

BA: Irgendwie ist Tong-Len doch eine paradoxe Methode. Warum atmet man dabei nicht etwas Angenehmes, Nährendes ein und etwas Unangenehmes, Unreines aus?

Yesche: Das wäre eine Reinigungs-Meditation. Bei Tong-Len geht es tatsächlich darum, das Schwierige anzuschauen und sich dafür durchlässig zu machen. Das nennt man hier „Nehmen“ und atmet es ein. Daraufhin wird das Herz geschmeidig und warm. Von hier aus wird dann ausgeatmet und somit wird etwas von Herzen „gegeben.“ Es geht darum, die Achtsamkeit auf das zu richten, was da ist, und die Energie unserer Meditation auf die Angelegenheiten zu beziehen, die wirklich für uns und andere wichtig sind. Das heißt hier Geben und Nehmen und es legt den Grundstein für eine wahre innere Ökonomie: ein achtsames Haushalten mit den Dingen, die uns beschäftigen oder denen wir uns widmen wollen.

BA: Tong-Len ist ja vor allem bekannt dafür, dass man es für Andere üben kann. Welche Anwendungsmöglichkeiten siehst Du da?

Yesche: Man kann es in vielen Situationen anwenden. Ähnlich wie mit Metta-Meditationen kann man es auf uns nahe stehende Menschen, auf neutrale und fernere Andere, bis hin zu „Feinden“ beziehen. Man kann auch an Tiere aller Art denken,  sich mit dem ganzen Universum und allen Lebewesen verbunden sehen und sich so des großen Spiels des Gebens und Nehmens bewusst werden.
Pema Chödrön hat in ihrem Büchlein „Tong-Len: Der tibetische Weg mit sich und anderen Freundschaft zu schließen“ (Arbor Verlag) eine Liste veröffentlicht, die beschreibt, auf wen man die Übung ausrichten könnte. Andere Meditationslehrer und -Übende haben in ihren Büchern beschrieben, wie man es im Umgang mit eigener Krankheit und in der Begleitung kranker und sterbender Menschen anwenden kann. Viele Sterbebegleiter in Hospizen haben schon versucht Tong-Len zu nutzen. Ich durfte schon Fortbildungen dazu anbieten. Man kann es sogar zur Bewusstmachung von Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung anwenden, z.B. in dem man sich bewusst an Orte begibt, um mit Achtsamkeit und Mitgefühl schlimme Zustände zu berühren und daraus die inneren Kräfte und Beweggründe dafür zu entwickeln, die Welt heilsamer, gerechter und gesünder, vielleicht erleuchteter, gestalten zu wollen.
Es ist eine Übung, um mit mehr Mitgefühl und einer größeren Achtsamkeit durch das Leben zu gehen. Ich bin sicher, dass auch der Buddha unter dem Bodhi-Baum so etwas wie Tong-Len geübt hat und das dies dann zu seinem Erwachen führte, denn seine ganzen Lehrreden sind ein einziger Ausfluss erleuchteten Gebens an die Welt. Zuerst hat er das Leiden in allen seinen Formen tief wahrgenommen und vielleicht einen großen Atemzug genommen. Dann hat Buddha 50 Jahre lang den ganzen Dharma als Gabe des Mitgefühls geschenkt wie in einem großen Ausatmen. Tong-Len-Meditation ist wie die Essenz der Vier Edlen Wahrheiten in jedem Atemzug.

Yesche U. Regel unterrichtet seit vielen Jahren Meditationskurse im ganzen deutschen Sprachraum und ist jährlich in vielen namhaften Zentren zu Gast, oft mit einem Kurs zur Tong-Len-Meditation. Er war 16 Jahre lang ordinierter Mönch der Karma-Kagyü-Tradition, in der er auch eine Drei-Jahres-Klausur absolvierte. Als Schüler tibetischer Lamas wirkte er lange im Kamalashila Institut in der Eifel und dem Retreat-Zentrum Halscheid/Sieg. Zusammen mit Angelika Wild-Regel betreibt er das Paramita-Projekt Bonn. (www.yesche.de, www.paramita-projekt.de)


 
   
   
   
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